Wer eine Breathwork-Session verlässt, ohne geschrien, geweint oder gezittert zu haben, fragt sich oft, ob überhaupt etwas passiert ist. Wer das volle Programm erlebt hat, geht mit dem Gefühl nach Hause, tief gearbeitet zu haben. Beide Reaktionen beruhen auf derselben Annahme: Je heftiger die Entladung, desto tiefer die Heilung.

Diese Annahme ist falsch. Und um zu verstehen, warum, muss man zuerst klären, was ein Trauma überhaupt ist.

Was ein Trauma ist

Nicht das Ereignis, die Wahrnehmung

Zwei Menschen erleben denselben Unfall. Einer trägt Jahre später noch etwas mit sich herum, das sein Leben bestimmt. Der andere nicht. Das Ereignis war identisch. Der Unterschied liegt nicht im Ereignis, sondern in der Wahrnehmung des Ereignisses.

Ein Trauma ist eine Wahrnehmung, in der ein Moment als reiner Schmerz gespeichert wurde. Schmerz ohne Freude, Verlust ohne Gewinn, Nachteil ohne Vorteil. Die Wahrnehmung ist einseitig. Und genau diese Einseitigkeit ist das Problem, nicht das, was passiert ist.

Der halbe Moment

Denn kein Moment ist wirklich einseitig. In jedem Augenblick, in dem etwas Schmerzhaftes geschieht, geschieht gleichzeitig etwas anderes. Während jemand dich klein macht, richtet dich jemand anderes auf. Während etwas verloren geht, entsteht etwas. Diese andere Seite war da. Sie wurde nur nicht gesehen, weil die Aufmerksamkeit in dem Moment vollständig beim Schmerz lag. Was gespeichert wurde, ist deshalb ein halber Moment. Und ein halber Moment ist nie abgeschlossen.

Warum aus einer halben Wahrnehmung eine Emotion wird

Das Überlebenszentrum kennt nur eine Frage

Das Gehirn hat ein Überlebenszentrum, das nur eine Frage kennt: Bedrohung oder Beute? Dieses Zentrum bewertet nicht, was passiert ist. Es bewertet, wie du es wahrgenommen hast. Und es reagiert, bevor es denkt.

Die Emotion ist eine Warnflagge

Eine Wahrnehmung, die nur aus Schmerz besteht, ist für dieses Zentrum eine eindeutige Bedrohung. Es gibt kein Gegengewicht, das die Bewertung bremsen könnte. Also markiert es den Moment: Hier nie wieder hin. Diese Markierung ist die Emotion. Angst, Wut, Scham, Groll sind keine Fehlfunktionen. Sie sind Warnflaggen, die das Überlebenszentrum an einseitige Wahrnehmungen heftet, damit du sie in Zukunft meidest.

Warum die Ladung nicht mit der Zeit verschwindet

Und eine Warnflagge bleibt stehen, solange der Grund für sie besteht. Solange der Moment halb ist, sieht das System eine Bedrohung ohne Ausgleich und hält die Markierung aufrecht. Das ist der Grund, warum eine Ladung Jahrzehnte alt werden kann, ohne schwächer zu werden. Sie wartet nicht auf Zeit. Sie wartet auf die fehlende Hälfte.

Sie wartet nicht auf Zeit. Sie wartet auf die fehlende Hälfte.

(„Zeit heilt alle Wunden“ klappt nur, weil wir mit mehr Weisheit die andere Seite der Medaille sehen.)

Wie aus einem Auslöser hundert werden

Von dieser Flagge aus verbreitet sich alles Weitere. Der Geruch von damals, ein Tonfall, ein enger Raum: alles, was mit dem Moment verknüpft ist, löst die Markierung erneut aus. Aus einem Auslöser werden zehn, aus zehn werden hundert. Irgendwann reagiert der Körper auf Reize, die mit dem ursprünglichen Ereignis fast nichts mehr zu tun haben. Die Person lebt ihre Vergangenheit in der Gegenwart, und sie tut es, weil ein einziger Moment nie vollständig gesehen wurde.

Eine Angst vor dem, was kommt, ist dann nichts anderes als die Annahme, dass wieder mehr Schmerz als Freude bevorsteht. Diese Annahme stammt aus dem halben Moment. Sie ist keine Information über die Zukunft. Sie ist fehlende Information über die Vergangenheit.

Warum Katharsis nicht heilt

Was bei einer heftigen Breathwork-Session wirklich passiert

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein nüchterner Blick auf das, was in einer intensiven Session tatsächlich geschieht. Jemand atmet schnell und tief, minutenlang, oft unter lauter Musik und mit Anleitung, weiter zu gehen. Der Körper reagiert darauf wie auf eine Gefahr: Adrenalin, Herzrasen, Kribbeln, Verkrampfen, Zittern. Das ist eine massive Stressreaktion, ausgelöst durch die Atmung selbst.

Und wie nach jeder starken Anspannung folgt eine starke Entspannung. Wer sich eine Stunde lang in Alarm versetzt hat, erlebt danach eine Ruhe, die tiefer wirkt als alles im Alltag. Man kennt das vom Horrorfilm oder vom Sprung ins kalte Wasser. Die Entspannung ist echt. Aber sie ist die Erholung von der Anstrengung, nicht die Auflösung von irgendetwas.

Die Flagge wird dabei nicht einmal berührt

Der entscheidende Punkt: Diese Reaktion hat mit dem Trauma zunächst nichts zu tun. Der halbe Moment wird nicht vervollständigt, nicht angeschaut, nicht einmal aufgerufen. Was da hochkommt, ist die Stressreaktion des Körpers auf die Atmung, und die fühlt sich oft an wie alter Schmerz, weil sie dieselben Kanäle benutzt: Angst, Enge, Tränen, Schreien. Aber die Warnflagge am ursprünglichen Moment steht unverändert da. Die Wahrnehmung, die sie hält, ist noch genauso halb wie vorher.

Deshalb ist die Ladung nächste Woche wieder da. Nicht, weil die Session zu schwach war, sondern weil sie am Trauma vorbeigelaufen ist.

Ausdrücken und Unterdrücken sind keine Gegensätze

Man könnte einwenden, dass es doch gut sei, die Emotion endlich rauszulassen. Aber Ausdruck und Unterdrückung sind nicht Gegensätze. Es sind zwei Umgangsweisen mit derselben einseitigen Wahrnehmung. Wer eine Emotion unterdrückt, wird von ihr gesteuert. Wer sie ausdrückt, ebenfalls. In beiden Fällen bleibt die Wahrnehmung halb, und solange sie halb ist, hat das Überlebenszentrum keinen Grund, die Flagge einzuziehen.

Best Case und Worst Case

Manchmal passiert in einer Session trotzdem etwas Echtes. Mitten in der Intensität oder in der Stille danach taucht der alte Moment auf, und die Person sieht ihn plötzlich mit beiden Seiten. Sie sieht, wer damals gleichzeitig für sie da war, oder was das Ereignis ihr gegeben hat. Das ist die Intuition, die durchkommt, wenn das bewusste Denken, das die Einseitigkeit sonst verteidigt, für einen Moment nachlässt. Wenn das geschieht, ist es Heilung. Aber es ist Glück, kein Mechanismus.

Der Worst Case ist häufiger: Das Nervensystem wurde eine Stunde lang gegrillt, die Erschöpfung danach wird als Tiefe gedeutet, und das Thema ist am nächsten Tag unverändert da. Wer diesen Ablauf wieder und wieder durchläuft, lernt nichts über seinen alten Moment. Er lernt nur, dass der Körper in Alarm gehen kann und dass sich die Ruhe danach gut anfühlt.

Was wirklich heilt

Vervollständigung statt Entladung

Wenn ein Trauma ein halber Moment ist, heilt es durch Vervollständigung. Nicht durch Abreagieren, nicht durch Wegatmen, nicht durch Vergessen. Durch das Sehen der Seite, die von Anfang an da war und die niemand angeschaut hat.

Zurück in den exakten Moment

Das beginnt damit, in den exakten Moment zurückzugehen. Nicht in die Geschichte, nicht in die Kategorie, sondern in den Augenblick. Wo genau warst du? Wann? Was hast du gesehen, gehört, gerochen, gespürt? Wer war da? Was genau ist passiert, Sekunde für Sekunde? Je konkreter der Moment, desto zugänglicher ist die andere Seite. Auf der Ebene von „meine Kindheit“ oder „diese Beziehung“ bleibt sie verschlossen. Im Detail des einzelnen Augenblicks öffnet sie sich.

Die unerträgliche Frage nach dem Nutzen

Und dann geht es weiter mit der Frage, die für viele zunächst unerträglich klingt: Welchen Nutzen hatte das Ereignis?

Ein Beispiel

Ein Mann, der entführt worden war und danach mit Wut und Bitterkeit lebte, reagierte auf diese Frage zunächst empört. Es gab keinen Nutzen, Punkt.

Als er sich verpflichtete, trotzdem hinzusehen, kam das Erste: Er verbrachte seit dem Ereignis mehr Zeit mit seiner Familie. Dann das Zweite: Er hatte seine Arbeit umstrukturiert und delegierte mehr. Dann das Dritte: Seine Frau hatte begonnen, ihr eigenes Leben zu leben, weil ihr klar geworden war, wie schnell sich alles ändern kann. Nutzen für Nutzen, gestapelt, bis das Ereignis nicht mehr nur schrecklich war. Erst dann lösten sich Wut, Schuld und Scham.

Das ist keine Umdeutung. Die andere Seite wird nicht erfunden, sie wird gefunden. Und sie muss in derselben Größenordnung gefunden werden wie der Schmerz, sonst bleibt ein Rest, und mit dem Rest bleibt die Flagge.

Der Moment, in dem die Flagge fällt

Wenn beide Seiten gleichzeitig im Bewusstsein sind, passiert etwas, das sich nicht rückgängig machen lässt. Das Überlebenszentrum hat nichts mehr, was es markieren könnte. Nichts zu fliehen, nichts zu jagen. Die Ladung verschwindet. Nicht, weil sie abreagiert wurde, sondern weil sie keinen Grund mehr hat. Eine Wahrnehmung, die vollständig ist, erzeugt keine Emotion.

Sie erzeugt Dankbarkeit für die Ordnung, die die ganze Zeit da war, und das Gefühl, dass es nichts zu reparieren gibt.

Wenn das ursprüngliche Ereignis so vervollständigt ist, fallen die nachgelagerten Auslöser von selbst weg. Sie hingen alle an dem einen halben Moment. Ist der ganz, hängen sie an nichts mehr.

Woran man den Unterschied erkennt

Zwei Arten von Tränen

Es gibt Tränen der Trauer und Tränen der Wut. Sie kommen aus der einen Seite, aus dem Schmerz ohne Gegenstück. Man erkennt sie daran, dass die Person danach erschöpft ist, dass das Thema danach nicht kleiner ist, und dass sie in der nächsten Woche wieder dasselbe braucht.

Und es gibt Tränen, die entstehen, wenn beide Seiten zusammenkommen. Sie sind weder Freude noch Trauer. Sie sind das körperliche Zeichen, dass ein Moment ganz geworden ist. Sie zeigen sich bei Menschen aus allen Kulturen auf dieselbe Weise, und sie kommen erst dann, wenn das Gleichgewicht erreicht ist.

Wer sie einmal gesehen hat, verwechselt sie nie wieder mit Katharsis. Die Person ist danach ruhig, klar, dankbar und kann das Ereignis nicht mehr als Bedrohung erleben, selbst wenn sie es versucht.

Das ist der Test. Nicht, wie laut es in der Session war. Sondern ob die Person hinterher versuchen kann, die alte Reaktion auszulösen, und es nicht mehr geht.

Was das für Breathwork bedeutet

Glück oder Mechanismus

Breathwork kann vervollständigen, und wenn es das tut, ist es echt. Aber wer sich für die Auflösung eines Traumas darauf verlässt, dass es von selbst passiert, verlässt sich auf Glück. Wer den Moment gezielt vervollständigt, verlässt sich auf einen Mechanismus.

Heilung ist nicht die Entladung. Heilung ist der Moment, in dem es nichts mehr zu entladen gibt, weil nichts mehr fehlt.

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Wahrnehmung · Nervensystem · Emotion

Wie aus einer Wahrnehmung eine Emotion wird

Nicht das Ereignis entscheidet, sondern das Verhältnis, in dem es wahrgenommen wird.

00 Ereignis

Wahrnehmung

Verhältnis Schmerz : Nutzen im Moment

einseitig 7 : 1
1 : 1 beidseitig

01

Überlebenszentrum (Amygdala)

Bedrohung oder Beute? Reagiert, bevor gedacht wird.

01

Exekutivzentrum (präfrontaler Cortex)

Balance und Objektivität. Denkt vor der Reaktion.

02

Valenz wird zugewiesen

Adrenalin und Dopamin, Cortisol über die Stressachse.

02

Keine Valenz

Nichts zu fliehen, nichts zu jagen.

03

Emotionale Ladung

Sympathikus und Parasympathikus verschoben. Im Körper als Spannung gespeichert.

Vervollständigung
die andere Seite sehen

03

Neutralität

Autonomes Nervensystem ausgeglichen, Hirnaktivität synchronisiert. Eine Träne.

04

Meiden oder Jagen

Die Flagge bleibt, bis die fehlende Hälfte gesehen ist.

04

Dankbarkeit, Präsenz

Das Ereignis lässt sich nicht mehr als Bedrohung erleben.

Die Variable ist nicht das Ereignis, sondern das Verhältnis der Wahrnehmung. Ändert sich das Verhältnis, ändert sich der Weg.

Hypnobreath®
Fabian Ries

Über den Autor

Fabian Ries

Wirtschaftspsychologe (B.Sc.) bei Prof. Dr. Kanning, einem gefürchteten Widersacher unseriöser Coaches. Bestseller-Autor und Gründer von Hypnobreath® (2020). Seit über 17 Jahren beschäftigt er sich mit (mentaler) Gesundheit und der Macht des Unterbewusstseins. Über 5.000 Kursteilnehmer begleitet und knapp 200 Trainer weltweit ausgebildet.

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